Die französische Malerei des 19. Jahrhunderts gehört zu den Haupt-Sammlungsgebieten der Kunsthalle Bremen. Werke von Eugène Delacroix, Claude Monet und Vincent van Gogh kamen schon Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem ersten Direktor des Museums, Gustav Pauli, in den Besitz der Kunsthalle. In der Folge wurden namentlich die Sammlungs-Schwerpunkte der französischen Romantik, der Schule von Barbizon und des Impressionismus weiter ausgebaut; neu hinzu kamen auch Hauptwerke der bedeutenden Avantgarde-Gruppe der Nabis, unter anderem von Pierre Bonnard, Maurice Denis, Félix Vallotton, Edouard Vuillard und jüngst Paul Sérusier.
Im Rahmen eines von der Getty Foundation geförderten Projektes haben Dr. Dorothee Hansen, stellvertretende Direktorin und Kustodin der Kunsthalle Bremen, und Dr. Henrike Holsing nun einen wissenschaftlichen Bestandskatalog dieses wichtigen Sammlungsbereiches erarbeitet. Nachdem die letzte umfassende Publikation zur Malerei des 19. Jahrhunderts in der Kunsthalle Bremen 1973 erschien, galt es, die Sammlung dem neuesten wissenschaftlichen Stand entsprechend aufzuarbeiten. Dazu gehörte nicht nur die Berücksichtigung neuerer Forschungsliteratur, sondern auch die in den 1970er Jahren noch nicht so stark im Fokus stehende Recherche zur Provenienz der Gemälde. Restauratorinnen der Kunsthalle Bremen und Restaurierungsstudenten aus Köln haben die Werke ferner mit Blick auf ihren maltechnischen Befund und ihren Zustand untersucht.
Insgesamt wurden rund 170 Gemälde französischer Künstler vom Klassizismus bis zum Kubismus neu bearbeitet, darunter etwa 40 in den letzten 37 Jahren neu erworbene Werke wie zum Beispiel die Bilder Eugène Carrières und der jüngste Sammlungszugang, ein Ecce homo von Eugène Delacroix. Auch bei den vermeintlich altbekannten Werken kamen jedoch zum Teil überraschende Ergebnisse zutage: So stellte sich die Signatur Alfred Sisleys auf dem Bild Baumallee bei einem Städtchen als gefälscht heraus; darunter lag die eines weit unbekannteren Impressionisten der zweiten Generation: Paul Vogler. Auch drei Gemälde, die lange Zeit als Werke des Romantikers Eugène Delacroix’ galten – unter anderem die große Löwenjagd – mussten neu eingeordnet und seinem Schüler Pierre Andrieu zugeschrieben werden. Bei anderen Gemälden haben neue Erkenntnisse zu Änderungen des Titels geführt. So war Pierre-Auguste Renoirs Mittelmeerlandschaft stets als Ansicht von Morillon betitelt. Jetzt konnte nachgewiesen werden, dass die dargestellte Bucht diejenige von Toulon ist.
Zur Wiedereröffnung der Kunsthalle Bremen werden die Ergebnisse der über 2-jährigen Forschungstätigkeit der Fachwelt wie dem breiten Publikum in einem umfangreichen Katalog präsentiert: „Vom Klassizismus zum Kubismus. Bestandskatalog der französischen Malerei in der Kunsthalle Bremen“. Dieses mit Hilfe der ZEIT Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius finanzierte Buch soll nicht nur einen Beitrag zur Forschung leisten, sondern gleichzeitig zur Bekanntheit der Sammlung beitragen.